Die Treue der Bürger

ist die Stärke des Fürsten (Inschrift an der Wismarer Rathausfront)

Mit der Treue, das ist oft so eine Sache, das kennt man ja irgenwie. Aber bei dem Verfasser der Überschrift wurde in seinem eigenen Geschichtsunterricht das Jahr 1427 wohl nicht durchgenommen. Es war nämlich so eine Zeit, in der sich weder Stadtfürsten (Bürgermeister), noch die Bürger einig waren. Von Treue ganz zu schweigen. Das soll sich sogar bis heute gehalten haben (meinen böse Menschen).

Alle trecken an eenem Strang. Wenn de een los lött, fällt de anne up´ n Noors

Karl Henning Seemann, der in Wismar geborene, Bildhauer und Erschaffer der Skulptur „Tauziehen“ hatte dieses so bemerkt. Man findet sie zwischen den angedeuteten Aussenmauern des ehemaligen Kirchenschiffs der Marienkirche.

Ein paar Schritte weiter ist ein inschriftsloser, teils vermooster Basaltquader, als eine Art „Sühnestein“ placiert. Der hat eine Seitenlänge von rund 70 x 70 cm und soll knapp 900 kg wiegen. Den bläst kein Wind um, aber er erinnert an stürmische Ereignisse in 1427 und der Stein stammt auch wohl aus der ehemaligen und, aus gegebenem Anlass, als Sühnekapelle unfunktionierten, Marienkapelle.

Es waren schon recht wilde Zeiten damals. In den reichen Hansestädten hatten die Kaufleute nichts anderes zu tun, als den ganzen Tag ihre Gulden zu zählen und im Rathaus, so ganz unter sich, anderen Leuten klarzumachen, was Arbeit und was an Steuern abzuführen, ist. Das kam bei den Handwerkern dann doch nicht so richtig an und es kam daher auch zu Aufständen. In Wismar machte sich da ein gewissser Claus Jesup als Wortführer stark und der hatte es früher tatsächlich schon einmal geschafft die Handwerker- und Wollweberzunft in das Rathaus zu bekommen. Nur eben nicht für lange, dann warf man die, die man nicht haben wollte, wieder hinaus.

Das damalige, schon 1319 errichtete, Rathaus stand bis zu seinem Einsturz im Jahr 1807 schon an gleicher Stelle wie der heutige, erst 1817 teilweise auf dessen Mauern entstandene, klassizistische Putzbau. In diesem richtig schmucken Haus regiert heute die, in hanseatischer Traditon genannte, Bürgerschaft.

In den „wilden Zeiten“ gab es in fast allen Städten Norddeutschlands Unruhen und Machtkämpfe. Dazu noch diverse Kriege und Streitigkeiten mit den anliegenden Nachbarstaaten. Da führte doch ausgerechnet der Wismarer Ratsherr van Haren mit seinem Kollegen Banzkow (dem Bürgermeister) auch noch die Wismarer Flotte der HanseKriegscschiffe, unter Oberkommandos des Lübecker Bürgermeisters, in den Krieg gegen Dänemark. Mit sehr negativem Ergebnis – die Dänen eroberten 36 Schiffe, davon 12 aus Wismar. Das hatte Konsequenzen. Ganz im Gegensatz zu den Lübeckern, die ihren Bürgermeister Tidemann Steen nur in Ketten legten und in den Kerker warfen, machte man Herrn von Haren einen Kopf kürzer. Und zwar mit dem Richtschwert und nicht schnöde am Galgen, sozusagen eine „Letzte Gunst“.

Und weil man eben solche „Schludrigkeiten“, wie den Verlust von Kriegs- und auch Salzschiffen, auch dem anderen Verantwortlichen vorwarf und sogar noch einiges dazu erfand, wollte sich Johann Banzkow aus dem Staub machen und fliehen. Kurz vorher hatte seine Frau sogar noch bei Jesup interveniert (mit reichlich Gulden !), aber dessen Antwort: Gevatterin, wenn deinem Mann der Hals so dick wäre, wie der Turm, so soll und muss er ihm doch auf dem Rumpf nicht bleiben. Die Kohle hat er aber einbehalten, der „Frühzeit Rote“.

Kurz vor Erreichen der Stadtgrenze fasste man Banzkow, wertete die Flucht als Schuldeingeständnis und auf dem Marktplatz, direkt vor dem Rathaus und unter den Augen der Schaulustigen, die man darauf hinwies, den Henker nicht zu dicht bedrängen, damit dieser seine Arbeit auch gut machen könne, vollbrachte der sein Werk. Die Leiche brachte man (zweiteilig) in die Marienkapelle..

Jusup wurde Bürgermeister. In Wismar ist eine Straße nach ihm benannt. Aber was ist das schon gegen einen so schönen Stein. Auf dem Marktplatz, direkt vor dem Rathaus. Banzkow wurde übrigens später rehabilitiert – blieb aber tot.

Waren das noch Zeiten und was leben die Bürgermeister heute so sorgenfrei, da wird bei Versagen nicht geköpft, sondern befördert. In den Bundestag oder vielleicht auch in das Kanzleramt..

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4 Gedanken zu “Die Treue der Bürger

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