Blick zur See, oh jeh..

Da setzte in einem bekannten und liebenswerten Badeort der Höhenflug ein. Die 300m lange Seebrücke war auf einmal nicht genug. Die Gemeindevertreter hatten wohl einen Betriebsausflug nach Kühlungsborn hinter sich. Und wollten dann ein bisschen kopieren. Oder einfach in Wachstum und Beschäftigung investieren..

Unbestritten war der niederdeutsche Dichter Fritz Reuter ein Mann mit Denkvermögen. Er weilte zwischen 1850 und 1858 einige Male am schönen Ostseestrand, und genau hier, in dem drittältesten Ostseebad überhaupt. Im Lesepavillon des Kurparks könnte man sich an seinen Sprüchen ergötzen: Die große Armut in der Stadt kommt von der großen Powerteh her! Oder auch Daß du die Nas ins Gesicht behältst. Vielleicht noch besser: Dicktun ist mein Reichtum, zwei Pfennige mein Vermögen“.

Dem Stier wird nachgesagt, er wäre stur und würde seine eigenen Interessen verfolgen. Sogar mit Geld könne er gut umgehen. Spätestens jetzt darf ich mein eigenes Sternzeichen nicht verraten. Hier geht es aber vorrangig um den, im Landeswappen anzutreffenden, mecklenburgischen Stier oder vielleicht sogar um eine Stierin (gut gegendert, nicht wahr). Wie es in dem, eigentlich netten, Seebad heute mit dem Denken bestellt ist, man fragt sich..

Es bedarf schon einiger Drinks, um sich an den, vor einigen Jahren noch vorhanden, Seeblick zu erinnern.

Eine ehemalige Schweriner Boutique Besitzerin, nach einer gelungen abgehaltenen Modeschau in einem Strandhotel, zur Eventmanagerin geadelt, bekam den Posten einer Kurdirektorin aufgedrängt. Und weil neue Besen gut kehren, so kennt man es ja, bekam der Größenwahn Gestalt und die Schleswig-Holsteinische (!) Bauindustrie fette Aufträge. Sollten eigentlich nicht die 90% Mittel der Landesregierung der regionalen Wirtschaftsstruktur dienen??

Die 6,1 Millionen, sind längst überschritten, man dürfte inzwischen bei 8 bis 9 sein,. Unter anderem verteuerten gravierende Denk- und Planungsfehler das Projekt. Da waren die DLRG Stationen Richtung Dorf, aber nicht Richtung Strand placiert, dass bei den Rettern auch Trinkwasser benötigt wird, war den Planern nicht geläufig und bis zu 40 cm Höhenunterschiede an den Anstößen der Stahlkonstruktion zeigten die Qualität der Bauausführung. Machte nichts, was nicht passte wurde passend gemacht. Koste es was es wolle, ist ja bloß Steuergeld.

Da konnte man dann auch die (nach deren Klage) zu leistende Abfindung für, die tatsächlich gefeuerte, Ex Kurdirektorin locker unterbringen.

Für ein Bundesland, zu den Nehmerländern gehörend, ist das aber kein Thema – Berlin hat es ja mit seinem Airport vorgemacht und HH hat die gleiche Vorbildfunktion. Und einige mehr, was die können, kann MV schon lange. Boltenhagen erst recht.

Was soll auch das kleinkarierte Nachdenken über Geld, ist ja eh´ nur bedrucktes Papier. Bei so einem Projekt geht es um Aussichten, echte Zukunftsaussichten. Man nehme sich ein Beispiel an den vielen anderen, mehrfach in den (Ostsee) Sand gesetzten, Phantasien – meist aus dem Westen kommender Glücksritter. Hauptsache es werden noch mehr Urlauber angelockt.

Das Prestigeprojekt ist 2.910 m lang und 3 m breit, mit zertifiziertem Holz beplankt (hat nach zwei Monaten schon Patina) und mit pfahlgegründeten Strandhäusern und mehreren Kiosken zur Strandkorbvermietung (€ 11,00/Tag). War bestimmt wirklich nötig – für so manche, die sich damit eine „goldene Nase“ machten.

Dichtung und Wahrheit. Den Blick auf das Meer versperrt das „Jahrhundertprojekt“. Dafür gehört die ehemalige Strandpromenade überwiegend den Radfahrern. Rette sich, wer kann..

Ende einer historischen Bäderkultur – jetzt wird´s international. Die idyllischen kleinen Strandhotels und Pensionen bekamen einen neuen Aussichtspunkt. Stahl statt Meer. „Florida“ kann´s egal sein, ist ja bloß ein Anlageobjekt und braucht keine Tradition. Rendite genügt.

Belegt und frei, da ist noch nicht alles so, wie früher. Noch ist Corona nicht vorbei. Es wäre fatal, hier dem Beispiel Mallorcas und anderer Touri Hochburgen zu folgen. Abstand und kleine Schritte in Event Genehmigungen wären angesagt, werden aber bald überholt sein. Die Lobby der Tourismus Profis findet Gehör -verständlich, ist ja Wahljahr. Da stellt man die Vernunft eben auf´s Abstellgleis.

Selbst wenn das Meer noch so lockt, die Seuche ist noch nicht vorbei. Glaubt nur niemand (oder will es nicht glauben..).

Da meiden wir lieber noch einige Zeit den Besuch der Strand Gastronomie und begnügen uns mit einer, hier wirklich besonders leckeren, Köstlichkeit und nehmen sogar das, behördlicherseits verordnete, Alk-freie Bier in Kauf. Natürlich auf einer etwas abseits gelegenen Parkbank.

War, Alles in Allem, ein schöner Montag, im nur 35 km entfernten Seebad.

12 Kommentare zu „Blick zur See, oh jeh..

  1. @Juru
    in Eckernförde kannst Du am/vom Yachthafen ohne Probleme den Strand noch betreten, aber so toll ist es da nicht.

    Und sicher, auch an der Nordsee nimmt die „Strandräuberei“ immer schlimmere Formen an – in WHV hat mat teilweise das Gefühl, in Guantanamo zu sein, so haben die dort Teile der Stände vergittert-Einlass nur gegen Bares. Gilt auch in anderen Gebieten; dt. Nord-und Ostsee geben sich insoweit gar nichts.

    Auf Sauberkeit wird auch außerhalb von Dt. geachtet und zwar ohne Kurtaxe, Absperrungen etc. Aber es wird auch nicht bis an den Strand gebaut, betoniert und gepflastert, sondern der Natur dort auch Freiraum gelassen, sodass neue Dünenlandschaften entstehen. Und das ist der beste Schutz zur dem Meer.

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  2. Vielleicht waren es auch „Mittel“, ausgelobt von einem sachfremden Sesselfurzer, die sonst eh‘ verfallen wären. Und ob der jemals vor Ort war? Es erinnert an fertiggestellte Brücken, zu der nie eine Strasse führte.. Müssten die Verantwortlichen auch nur mit 10% persönlich haften, manches wäre durchdachter.😊

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  3. Den westlichen Universitätsstädten folgend, musste nach der Wende in Frankfurt (Oder) unbefingt eine Treppe am Fluss gebaut werden. Geld war und ist eigentlich immer knapp in der Oderstadt, aber die Treppe existiert. Leider unbrauchbar, weil ständig überflutet und deshalb gesperrt. Ein Hoch auf alle Verantwortlichen.

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  4. Ich bin ja kein Strandmensch, aber Timmendorf, Eckernförde und noch ein paar andere sind auch nicht frei zu betreten. Auf Sauberkeit wird gerade in Boltenhagen geachtet. Ich hätte die Spezialfahrzeuge aufnehmen sollen. Und Hohen Wieschendorf, dass gerade zum Nobelort werden will, steht da auch nirgends zurück. Über Sandaufschüttungen auf Sylt gab es gerade einen TV Beitrag, Helgoland ist sowieso dabei und an den anderen Nordseestränden wirds leider auch bald nötig sein. Ansonsten geht ohne Regulierung im ganzen Land tatsächlich kaum etwas und wenn Deutschland „ergrünt“ noch weniger😊 Bei allem Frohsein über die Wiedervereinigung ist bei vielen (teilweise wirklich berechtigt) noch ein schaler Beigeschmack. Die Wessis haben zu viel für sich selbst herausgeholt. Über ein typisches, selbst erlebtes, Beispiel werde ich evtl. berichten (ist ja verjährt..). Auch wenn ich mich wiederhole, die Strände im Baltikum sind noch so, wie von dir beschrieben (schafft leider mein Bötchen nicht so richtig)😊

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  5. Nein, nicht falsch verstehen. Es ist gut, dass es zur Öffnung/Wiedervereinigung gekommen istUnd gerade die Gegend um Stralsund hat davon prächtig gewonnen.

    Die Deutschen haben nur das Problem, dass Sie alles regulieren wollen, sogar Strandzugang und/oder Bergaussicht etc.. Da lob ich mir Strände im Norden, die frei betreten werden können (übrigens auch sauberer sind), der Allgemeinheit gehören und auch natürlich wachsen, ohne dass Sandaufspülungen notwendig sind.

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  6. Danke für den Beitrag. Da jammere ich lieber auf heutigem Niveau.. Also lieber Grössenwahn, statt Grenze. An die unbekannte Anzahl der um´s Leben gekommenen (ca. 200) Flüchtlinge erinnert ein Gedenkstein an der Seebrücke.

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