Keine „Weinprobe“

WENDORF – ein Vorort der Hansestadt Wismar. In dieser Gegend gab es noch um 1910 nur zwei kleine Dörfer und einen Erbpachthof. Als Seebäder in Mode kamen wurden dann einige Villen und Mehrfamilienhäuser gebaut. Inzwischen hat sich der Ort gemausert. Die Lage an der Ostseeküste ist begehrt und die Grundstückspreise deutlich gestiegen..

Ein weithin sichtbares und inzwischen, mitsamt den umgebenden Häusern, jetzt denkmalgeschützes „Hochhaus“ – 32 m waren im Jahr 1954 schon was, auch wenn das erste (AEG) Hochhaus in Frankfurt am Main schon 45 m hatte – fällt natürlich sofort ins Auge. Was ich für einen Verwaltungsbau hielt, ist jedoch Teil einer 1952 – 1954 entstandenen Wohnanlage. Wismars Verluste an Wohnraum, im letzten Weltkrieg, mussten schnellstens ausgeglichen werden und es entstand dann auch noch eine grösser Wohnsiedlung, hauptsächlich für Arbeiter der nahegelegenen Werft. Man gab dem Vorzeigegelände den Namen Platz des Friedens.

In der benachbarten und weit größeren Siedlung erinnern noch die Namen ehemaliger Sozialisten (oder auch Kommunisten) und Widerstandskämpfer an eine dunkle Vergangenheit und geben denen posthum etwas Ihrer geraubten Ehre zurück.

Das frühere (bis zur Eingemeindung) „Bad Wendorf“, hat den einzigen Wismarer Strand im Stadtgebiet und es ist sogar noch heute möglich für 30 Euro p. P. eine Ferienwohnung anzumieten. Es gab eine Zeit, da lag der Kurs bei 30 D-Mark.

Und vom 24. bis 27. Juni 1993 suchte ein Pärchen hier nicht nur die traute Zweisamkeit, sondern eher einen Unterschlupf um neue Terroranschläge und dazu ein meeting mit zwei, drei anderen Terroristen (u.a. auch Wolfgang, den eigentlichen Freund der „Urlauberin) in Bad Kleinen (einem Eisenbahnknotenpunkt) vorzubereiten. Den BKA Leuten war dies hinlänglich bekannt, hatte sich doch die Dame einen wirklich zweifelhaften, weiteren Freund angelacht. Der hatte dieses Rendezvous nicht nur verraten, sondern auch einen, von der Behörde gestellten, Peilsender im Reisegepäck. Der genannte Bahnhof war schon Tage vorher (erstmals am 16. Mai) im Vorfeld der Operation Weinlese und Ort von rund einhundert BKA Spezialisten aus Wiesbaden überwacht und mit getarnten Beobachtungsstationen versehen. Da soll sogar ein, auf zivilfarben umlackiertes, Polizeiboot, als Relaisstation, auf dem Schweriner See gekreuzt haben. Das ist insofern glaubwürdig, weil das Funknetz in dieser Gegend (handys gab es noch nicht) zu wünschen übrig ließ. Einhundert fremde Menschen in einem kleinen Provinznest und dazu noch deren entsprechender Fuhrpark ist schon eine merkwürdige Nummer..

Um mögliche Gefahren für Unbeteiligte auszuschließen, sollten dann Zugriff und Verhaftung auch in Wendorf erfolgen. Sämtliche Einsatzkräfte wurden planmäßig dafür zusammengezogen. Fünf GSG9 Einheiten rund um die Uhr. Eigentlich war dieser bei Nacht geplant. Ob der eingeschleuste V-Mann Skrupel bekam oder es nur eine Unaufmerksamkeit der Spezialisten war, ist nicht bekannt – es war nicht möglich. Die Observierten waren über längere Zeit nicht zu sehen. Daran war dann wohl der Hinterausgang der Wohnung schuld. Ins Blickfeld der wachsamen BKA Männer kamen die nämlich erst wieder, als sie ganz normal durch die vordere Haustür die Wohnung betraten. Wo sich die beiden in der Zwischenzeit aufhielten ist unbekannt. Bestimmt am schönen Ostseestrand..

Am Einsatzort erwog man dann am 26. Juni eine Festnahme auf dem Weg von der Ferienwohnung zur Bushaltestelle. Um diese genehmigt zu bekommen, brauchte es dann bis zum Vormittag des nächsten Tages. Man hatte Angst, die Karriere des V-Manns zu gefährden und wollte die Festnahme erst nach der Verabschiedung von diesem und der Dame vornehmen.

Am 27. Juni war für die Einsatzkräfte die Nacht schon richtig früh vorbei. Man vermutete, dass die Zielpersonen entweder Besuch von ihren Meeting-Genossen bekämen oder abgeholt würden. Oder eben zum Bus laufen würden. Und da war es Plan der GSG9, die beiden Terroristen auf deren Weg einfach in ein Auto zu ziehen. Und da brauchte man sich auch nicht zu tarnen. In kompletter Schutzausrüstung und mit 9mm Pistolen der Fa. Heckler & Koch plazierten sich einige Beamte in einem getarnten Transporter. Es war dann allerdings schon nach zehn Uhr, als sich auf der Straße zur Bushaltestelle die GSG 9 und die beiden Gesuchten Meter um Meter entgegenkamen. Schon in Sichtweite, weckte ein aufgefangener Fetzen eines Gesprächs aus dem Sender des V-Manns, in Bruchteilen von Sekunden das Interesse des Einsatzleiters. Die Frau sagte darin zu ihrem Begleiter (dem V-Mann), es sei ja noch ein weiteres Treffen mit ihren „Freunden“ vorgesehen. Daraufhin wurde der Einsatz sofort gestoppt. Die Aussicht, an diesem Tag noch weitere RAF Mitglieder festnehmen zu können, war einfach zu verlockend. Der Transporter fuhr unerkannt an den beiden vorbei.

In Wendorf wurde keine Geschichte geschrieben. Die „Weinprobe“ fiel aus..

Die beiden „Urlauber“ stiegen in den Bus nach Wismar und „zufällig“ hatte ein, mit wenigen Insassen besetzter, ganz und gar unauffälliger PKW das gleiche Fahrtziel..

8 Kommentare zu „Keine „Weinprobe“

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